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EMG-Elektrodenplatzierung: Der SENIAM-Leitfaden

Elektroden richtig setzen für saubere EMG-Signale: die SENIAM-Regeln Schritt für Schritt erklärt – Hautvorbereitung, Abstand, Faserrichtung, Muskelpositionen. Mit kostenlosem 3D-Muskelatlas.

SENIAM-Elektrodenposition am M. Biceps brachii (3D-Muskeldarstellung)

Ob die EMG-Messung brauchbare Daten liefert oder nur Rauschen, entscheidet sich in den ersten zwei Minuten – bei der Elektrodenplatzierung. Sitzt die Elektrode ein paar Zentimeter daneben, auf der Sehne statt auf dem Muskelbauch oder quer zur Faserrichtung, misst man Nachbarmuskeln mit, verliert Signalamplitude und bekommt Werte, die sich weder mit der letzten Sitzung noch mit der Literatur vergleichen lassen.

Genau dieses Problem löst SENIAM – der europäische Standard für die Platzierung von Oberflächenelektroden. Dieser Leitfaden erklärt die SENIAM-Regeln Schritt für Schritt, von der Hautvorbereitung bis zur Signalkontrolle, und zeigt für die wichtigsten Muskeln die exakte Position.

Was ist SENIAM – und warum sollte es dich interessieren?

SENIAM steht für Surface ElectroMyoGraphy for the Non-Invasive Assessment of Muscles und ist aus einem europäischen Forschungsprojekt hervorgegangen. Das Ergebnis: standardisierte Elektrodenpositionen für rund 30 Muskeln, die heute die Referenz für EMG in Forschung und Praxis bilden [1, 2].

Der Nutzen ist simpel, aber entscheidend: Reproduzierbarkeit. Wer nach SENIAM platziert, misst denselben Muskel bei jeder Sitzung an derselben Stelle – und kann Ergebnisse mit Kolleginnen, mit Studien und mit dem eigenen Verlauf über Wochen hinweg vergleichen. Ohne einen solchen Standard misst jeder ein bisschen anders, und die Zahlen werden wertlos.

Die sechs Grundregeln von SENIAM

Bevor es an einzelne Muskeln geht, lohnt sich der Blick auf die Prinzipien dahinter. Fast alle SENIAM-Positionen folgen denselben sechs Regeln:

  1. Muskelbauch identifizieren – Elektroden gehören auf den dicksten Teil des Muskels, nicht auf Sehne oder Muskelrand.
  2. Faserrichtung ertasten – die Ausrichtung der Muskelfasern bestimmt, wie die Elektroden liegen.
  3. Elektroden parallel zu den Fasern – beide Messelektroden liegen entlang der Muskellängsachse, nicht quer.
  4. 20 mm Abstand – Mittelpunkt zu Mittelpunkt der beiden Elektroden (bei kleinen Muskeln entsprechend weniger).
  5. Position zwischen 1/3 und 2/3 der Muskellänge – meist zwischen motorischem Punkt und Sehnenansatz, wo das Signal am stabilsten ist.
  6. Referenz/Erdung beachten – klassische kabelgebundene Systeme brauchen eine separate Referenzelektrode auf elektrisch neutralem Gewebe (knöcherner Vorsprung). Kabellose Differenzsensoren wie die von Cometa haben die Referenz im Sensor integriert – hier entfällt die separate Referenzelektrode.

Diese sechs Punkte fassen die zentralen SENIAM-Empfehlungen zusammen – Elektrodendurchmesser ≤ 10 mm, Interelektrodenabstand 20 mm, Platzierung mittig zwischen motorischem Punkt und Sehne, längs zur Faserrichtung [1, 2]. Wer sie verinnerlicht, kann auch Muskeln platzieren, für die keine explizite SENIAM-Karte vorliegt.

Schritt für Schritt: Elektroden richtig setzen

Schritt 1 – Haut vorbereiten

Die häufigste Ursache für schlechte Signale ist eine hohe Hautimpedanz. Deshalb steht die Vorbereitung am Anfang:

  • Rasieren, falls die Stelle behaart ist.
  • Leicht abraden – sanftes Rubbeln mit Schleifpapier-Pad oder Abrasivpaste entfernt abgestorbene Hautzellen.
  • Mit Alkohol reinigen und vollständig trocknen lassen.

Ziel ist eine niedrige Hautimpedanz – als Richtwert wenige Kiloohm. Der Aufwand von 30 Sekunden zahlt sich in deutlich saubereren Signalen aus.

Schritt 2 – Muskel und Muskelbauch finden

Lass den Muskel gegen leichten Widerstand anspannen und taste den Muskelbauch – den dicksten, sich am stärksten wölbenden Teil. Genau dorthin kommen die Elektroden, nicht auf die Sehne (dort ist kaum Muskelmasse) und möglichst nicht direkt auf den motorischen Punkt (dort wird das Signal instabil).

Schritt 3 – Faserrichtung bestimmen

Ertaste die Richtung, in der die Muskelfasern verlaufen. Bei den meisten oberflächlichen Muskeln folgt sie der Längsachse zwischen Ursprung und Ansatz. Diese Linie ist die Ausrichtung für beide Elektroden.

Schritt 4 – Messelektroden setzen

Klebe die beiden Elektroden entlang der Faserrichtung mit 20 mm Abstand (Mittelpunkt zu Mittelpunkt). Bei kleinen Muskeln – etwa im Gesicht oder am Unterarm – reduziere den Abstand, damit beide Elektroden auf demselben Muskel liegen und keine Nachbarmuskeln erfassen (Cross-Talk).

Schritt 5 – Referenz? Bei Cometa nicht nötig

Klassische kabelgebundene EMG-Systeme brauchen eine separate Referenz- (oder Erd-)Elektrode auf elektrisch neutralem Gewebe – etwa einem knöchernen Vorsprung wie Acromion oder Epicondylus –, damit der Verstärker eine stabile Bezugsgröße bekommt.

Die kabellosen Sensoren von Cometa – etwa das kompakte PicoBlue-System – erledigen das intern: Jeder Sensor ist eine eigenständige Differenzeinheit mit integrierter Referenz. Eine separate Referenzelektrode musst du also nicht setzen – dieser Schritt entfällt komplett.

Schritt 6 – Signal prüfen, bevor es losgeht

Bevor die eigentliche Messung startet, ein kurzer Qualitätscheck:

  • Ruhesignal – in Entspannung sollte das Signal sehr flach sein und nur wenige Mikrovolt betragen (sauberes Setup: idealerweise unter etwa 5 µV) [3].
  • Kontraktionstest – bei Anspannung sollte ein klares, sauberes Signal erscheinen.
  • Cross-Talk-Check – spanne einen Nachbarmuskel isoliert an; die Elektrode sollte darauf möglichst wenig reagieren.

Stimmt hier etwas nicht, ist Nachjustieren jetzt deutlich billiger als eine unbrauchbare Messreihe später.

Welche Elektroden für welchen Zweck?

ElektrodentypTypischer EinsatzVorteil
Ag/AgCl-KlebeelektrodenStandard in Klinik & Forschunggünstig, einmalig, stabile Signale
Druck-/KlemmelektrodenSport, Bewegungsanalysewiederverwendbar, kein Gel
TrockenelektrodenLangzeit-Monitoringkein Gel, trägt aber mehr Rauschen

Für die meisten physiotherapeutischen und trainingsbezogenen Anwendungen sind Ag/AgCl-Klebeelektroden die zuverlässigste Wahl.

Muskelspezifische SENIAM-Positionen

Für die klinisch häufigsten Muskeln definiert SENIAM präzise Landmarken. Die folgende Tabelle fasst einige davon zusammen – jeweils verlinkt auf die interaktive 3D-Ansicht im kostenlosen EMG-Guide-Muskelatlas, wo sich jede Position frei drehen und aus jedem Winkel betrachten lässt.

MuskelSENIAM-Position3D-Ansicht
M. Trapezius pars descendens50 % auf der Linie Acromion–C7ansehen
M. Biceps brachii1/3 auf der Linie Fossa cubitalis–Acromionansehen
M. Rectus femoris50 % auf der Linie SIAS–Patellaansehen
M. Vastus lateralis2/3 auf der Linie SIAS–lateraler Patellarandansehen
M. Vastus medialis80 % auf der Linie SIAS–mediales Ligamentansehen
M. Tibialis anterior1/3 auf der Linie Fibulaköpfchen–medialer Malleolusansehen
M. Gastrocnemius medialisproximalster Teil des medialen Muskelbauchsansehen
M. Gluteus maximus50 % auf der Linie Sacrum–Trochanter majoransehen
M. Gluteus medius50 % auf der Linie Crista iliaca–Trochanter majoransehen

Abkürzungen: SIAS = Spina iliaca anterior superior · C7 = 7. Halswirbel

Die folgenden 3D-Darstellungen zeigen für jeden Muskel die SENIAM-konforme Elektrodenposition – der türkise Marker sitzt jeweils an der korrekten Stelle auf dem Muskelbauch:

Die fünf häufigsten Fehler – und wie du sie vermeidest

FehlerUrsacheLösung
Hohe Impedanz, schwaches Signalschlechte Hautvorbereitunggründlicher abraden + Alkohol
50-Hz-BrummenNetzstörungNotch-Filter, Kabel abschirmen
Bewegungsartefakteloses KabelKabel mit Schlaufe sichern
Cross-Talk vom NachbarmuskelElektroden zu nah beieinander / falscher Ortkleinere Elektroden, Abstand prüfen, Position korrigieren
Signal-DriftElektrodengel trocknet ausfrische Elektroden verwenden

Kurz-Checkliste zum Ausdrucken

  • Haut rasiert, abradiert, mit Alkohol gereinigt, trocken
  • Muskelbauch bei Kontraktion ertastet
  • Faserrichtung bestimmt
  • Elektroden parallel zu den Fasern, 20 mm Abstand
  • Position zwischen 1/3 und 2/3 der Muskellänge
  • Referenzelektrode nur bei kabelgebundenen Systemen (bei Cometa entfällt sie)
  • Ruhesignal geprüft (flach, nur wenige µV)
  • Kontraktions- und Cross-Talk-Test bestanden

Fazit

Gute EMG-Daten beginnen nicht beim Verstärker oder in der Software, sondern auf der Haut. Wer die sechs SENIAM-Grundregeln beherrscht und die Hautvorbereitung ernst nimmt, legt den Grundstein für reproduzierbare, vergleichbare Messungen – ganz gleich ob in Reha, Training oder Forschung.

Für die exakte Platzierung einzelner Muskeln lohnt sich der Blick in den interaktiven 3D-Muskelatlas auf emgguide.de: kostenlos, ohne Anmeldung, mit allen SENIAM-Positionen zum Drehen und Heranzoomen. Und wenn du EMG direkt in deiner Praxis einsetzen möchtest, zeigt dir easyEMG die Signale in Echtzeit auf dem Tablet.

Passend dazu: Du stehst noch vor der Anschaffung? Unser Hardware-Leitfaden EMG-System kaufen führt dich mit 10 Kaufkriterien und einer kostenlosen Checkliste zum passenden System.

Häufige Fragen

Was bedeutet SENIAM bei der EMG-Messung?

SENIAM (Surface ElectroMyoGraphy for the Non-Invasive Assessment of Muscles) ist der europäische Standard für die Platzierung von Oberflächenelektroden. Er definiert für über 30 Muskeln exakte Positionen und sorgt so für reproduzierbare, vergleichbare Messungen.

Wie groß ist der Abstand zwischen zwei EMG-Elektroden?

Nach SENIAM beträgt der Standardabstand 20 mm von Mittelpunkt zu Mittelpunkt. Bei kleinen Muskeln wird er reduziert, damit beide Elektroden auf demselben Muskel liegen und keine Nachbarmuskeln miterfasst werden.

Wo platziert man die Elektroden auf dem Muskel?

Auf dem Muskelbauch, zwischen 1/3 und 2/3 der Muskellänge, parallel zur Faserrichtung ausgerichtet – nicht auf der Sehne und möglichst nicht direkt auf dem motorischen Punkt.

Warum ist die Hautvorbereitung so wichtig?

Eine hohe Hautimpedanz verschlechtert das Signal deutlich. Rasieren, leichtes Abraden und Reinigen mit Alkohol senken die Impedanz idealerweise unter 2 kΩ und liefern damit deutlich saubereres EMG.

Wo finde ich die SENIAM-Position für einen bestimmten Muskel?

Im kostenlosen interaktiven 3D-Muskelatlas auf emgguide.de lässt sich jeder Muskel auswählen und die SENIAM-Elektrodenposition aus jedem Winkel betrachten.

Quellen

  1. Hermens HJ, Freriks B, Disselhorst-Klug C, Rau G. Development of recommendations for SEMG sensors and sensor placement procedures. Journal of Electromyography and Kinesiology. 2000;10(5):361–374. PubMed
  2. SENIAM Project – European Recommendations for Surface ElectroMyoGraphy, Roessingh Research and Development. seniam.org
  3. McManus L, De Vito G, Lowery MM. Analysis and Biophysics of Surface EMG for Physiotherapists and Kinesiologists. Frontiers in Neurology. 2020;11:576729. PMC

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