EMG-Praxis 15 Min. Lesezeit

Muskelasymmetrie messen mit EMG: was der Seitenvergleich wirklich zeigt

Muskelasymmetrie messen mit EMG: warum der Limb Symmetry Index täuscht, was der Seitenvergleich zusätzlich zeigt und wie Sie sauber messen. Mit Studienlage.

Beidseitige Sensorapplikation am Oberschenkel, Seitenvergleich am Bildschirm

Wer eine Muskelasymmetrie messen will, greift in der Return-to-Sport-Diagnostik meist zu einer einfachen Regel: 90 Prozent Symmetrie, dann darf wieder trainiert werden. Der Limb Symmetry Index (LSI) — der Quotient aus betroffener und nicht betroffener Seite — ist zur Standardwährung geworden, weil er schnell zu erheben und leicht zu kommunizieren ist.

Er ist auch bemerkenswert unzuverlässig. Und genau daraus ergibt sich der Beitrag, den Oberflächen-EMG hier leisten kann.

Dieser Artikel zeigt, warum die gängige Symmetriezahl täuscht, was der EMG-Seitenvergleich zusätzlich sichtbar macht und wo die Methode selbst an Grenzen stößt.

Die drei Fallstricke des Limb Symmetry Index

Fallstrick 1: Der Nenner ist selbst krank

Der LSI setzt die operierte Seite ins Verhältnis zur gesunden. Das unterstellt, dass die gesunde Seite unverändert geblieben ist. Sie ist es nicht.

Eine Meta-Analyse über 21 Studien verglich die Quadrizepskraft nach Kreuzbandrekonstruktion nicht mit der Gegenseite, sondern mit alters-, geschlechts- und aktivitätsgematchten unverletzten Kontrollpersonen [1]. Das Ergebnis ist deutlich: unter sechs Monaten postoperativ SMD −1,42 (95-%-KI −1,62 bis −1,23), zwischen 6 und 18 Monaten SMD −0,92, und selbst zwischen 18 und 48 Monaten noch SMD −0,38. Das Defizit besteht also bis zu vier Jahre nach der Operation fort.

Die Schlussfolgerung der Arbeit steht wörtlich im Abstract: Der Limb Symmetry Index überschätze die Erholung der Quadrizepskraft nach Kreuzbandrekonstruktion. Der Grund: Auch die nicht operierte Seite dekonditioniert während der Ausfallzeit. Ein LSI von 95 Prozent kann bedeuten, dass beide Seiten gleich schwach sind.

Der Limb-Symmetry-Index-Fehlschluss: hoher Symmetriewert trotz beidseitigem Kraftdefizit.
Symmetrie ist nicht Gesundheit: Zwei gleich schwache Seiten ergeben einen perfekten Symmetriewert.

Fallstrick 2: Er trennt nicht, was er trennen soll

Eine Analyse an 233 Athletinnen und Athleten nach Kreuzbandrekonstruktion prüfte, ob der LSI aus Muskelfunktionstests eine sichere Rückkehr zum Sport vorhersagt [2]. Er kann es nicht. Kontraintuitiv, aber im Abstract explizit berichtet: Wer die Schwellen von 80 beziehungsweise 85 Prozent erfüllte, hatte sogar geringere Chancen auf eine sichere Rückkehr als jene, die sie nicht erfüllten. Die Autorinnen und Autoren raten ausdrücklich davon ab, die Freigabe allein am LSI festzumachen.

Fallstrick 3: Es gibt ihn nicht in einer Fassung

Eine systematische Übersicht über 53 Arbeiten identifizierte zwölf verschiedene Asymmetrie-Indizes; nur vier davon vermeiden das Problem, willkürlich ein Referenzbein festlegen zu müssen [3]. Von den Arbeiten mit Schwellenwert nutzten 15 von 18 einen Grenzwert von 10 bis 15 Prozent — laut der Übersicht „nicht immer durch angemessene Evidenz gestützt“.

Wenn zwei Berichte „12 Prozent Asymmetrie“ ausweisen, können also unterschiedliche Formeln, unterschiedliche Referenzbeine und unterschiedliche Schwellen dahinterstehen.

Was Oberflächen-EMG zusätzlich sichtbar macht

Kraftmessung liefert eine Zahl pro Seite. EMG liefert einen Verlauf pro Muskel — und darin liegen drei Informationen, die eine Maximalkraftmessung nicht enthält.

Aktivierungsbeginn (Onset). Wann setzt der Muskel relativ zur Bewegung ein? Ein verzögerter Beginn ist ein etabliertes Zeichen der arthrogenen Muskelinhibition nach Kreuzbandrekonstruktion [4].

Amplitudenverlauf über die Bewegung. Nicht nur das Maximum, sondern auch, ob die Aktivierung über den Bewegungsumfang trägt oder in bestimmten Winkeln einbricht.

Kokontraktion. Ein kompensatorisch mitangespannter Antagonist — typischerweise die ischiocrurale Muskulatur bei Quadrizepsdefizit — ist ein Muster, das die Nettokraftmessung gerade verdeckt, weil sie nur das Resultat sieht.

Drei Muster im EMG-Seitenvergleich: Onset-Verzögerung, Amplitudeneinbruch, Kokontraktion.
Drei Muster, die eine Kraftmessung nicht auflöst: Timing, Verlauf und Kompensation.

Praxisbeispiel Orthopädie: nach Kreuzbandverletzung

Die arthrogene Muskelinhibition — die reflektorische Hemmung der Quadrizepsaktivierung durch Gelenkbinnenreize — ist häufiger als oft angenommen. Eine Querschnittsstudie an 300 konsekutiven Patientinnen und Patienten mit akuter Kreuzbandruptur fand sie bei 56,7 Prozent [5]. Bemerkenswert ist die Verteilung: Bei 79 Prozent der Betroffenen bildete sie sich bereits während der Konsultation nach einfachen Übungen zurück; 21 Prozent benötigten eine spezifische Rehabilitation. Risikofaktoren waren Gelenkerguss, Begleitverletzungen, hohe Schmerzwerte und ein kurzer Abstand zwischen Verletzung und Untersuchung.

Dass das Problem nicht rein peripher ist, zeigt eine Bildgebungsstudie an 22 Personen im Mittel 4,6 Jahre nach Kreuzbandrekonstruktion [6]: Die Gruppe mit einem Quadrizeps-LSI unter 90 Prozent (75 ± 14 Prozent) wies eine veränderte Aktivität im kontralateralen prämotorischen Kortex auf. Persistierende Schwäche ist also auch zentralnervös mitbedingt — was erklärt, warum reines Krafttraining allein sie manchmal nicht auflöst, und warum eine Rückmeldung über die Aktivierung therapeutisch ansetzen kann.

Praktisches Vorgehen: Vier Kanäle — Quadrizeps und ischiocrurale Muskulatur, beidseits — in derselben Aufnahme. Beurteilt werden Onset-Differenz, Amplitudenverhältnis nach Normalisierung und das Kokontraktionsmuster. Für die Rückkehrentscheidung gilt: Der EMG-Befund ergänzt Kraft- und Funktionstests, er ersetzt sie nicht. Residuale Kraftasymmetrien über zehn Prozent gelten als Risikofaktor für eine Zweitverletzung [4].

Ein durchgerechnetes Beispiel

Ein 26-jähriger Freizeitfußballer, sieben Monate nach Kreuzbandrekonstruktion, Kraftmessung ergibt einen Quadrizeps-LSI von 91 Prozent. Nach der gängigen Regel wäre er freigegeben.

Der EMG-Seitenvergleich über vier Kanäle bei einer standardisierten Kniestreckung zeigt ein anderes Bild:

BefundBetroffene SeiteGegenseiteBewertung
Aktivierungsbeginn QuadrizepsverzögertReferenzauffällig
Amplitude im mittleren WinkelbereichEinbruchgleichmäßigauffällig
Kokontraktion ischiocruraldeutlich erhöhtgeringauffällig
Kraftmessung mit 91 Prozent LSI unauffällig, EMG-Seitenvergleich mit drei auffälligen Befunden.
Das Freigabekriterium ist erfüllt, das Aktivierungsmuster trotzdem auffällig. Konstruiertes Beispiel, keine Falldokumentation.

Die Nettokraft stimmt — das Muster dahinter nicht. Der Quadrizeps erreicht sein Drehmoment später und unter stärkerer Mitarbeit des Antagonisten. Beides sind Zeichen, die zur arthrogenen Muskelinhibition passen [4] und die eine reine Maximalkraftmessung nicht auflösen kann, weil sie nur das Endergebnis misst.

Konsequenz für die Therapie: Nicht mehr Kraftvolumen, sondern Ansteuerungstraining mit Rückmeldung auf den Aktivierungsbeginn — plus eine Verlaufsmessung nach vier Wochen mit identischem Protokoll. Die Freigabeentscheidung bleibt multifaktoriell; der EMG-Befund liefert einen zusätzlichen, sonst unsichtbaren Baustein dafür.

Wichtige Einschränkung: Dies ist ein konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung des Prinzips, keine Falldokumentation. Ein einzelner auffälliger EMG-Befund rechtfertigt keine abweichende Freigabeentscheidung — er rechtfertigt eine genauere Untersuchung.

Praxisbeispiel Sport: Asymmetrie und Verletzungsrisiko

Hier ist Vorsicht geboten — die Evidenz ist schwächer, als es die verbreitete Erzählung nahelegt.

Eine systematische Übersicht über 31 Studien mit 6.228 Teilnehmenden bewertet die Belege für funktionelle Asymmetrie als Verletzungsrisikofaktor insgesamt als „low to moderate“ [7]. Von den eingeschlossenen Arbeiten fanden acht keinen Zusammenhang, zehn einen teilweisen und zehn einen signifikanten. Wo Effekte auftraten, waren sie teils deutlich: exzentrische Hamstring-Kraftasymmetrie mit Odds Ratios von 3,8 bis 4,66, Sprunggelenksasymmetrien ab 15 Prozent mit OR 8,88, Single-Leg-Hop-Asymmetrien über 10 Prozent mit OR 2,3 (nur bei Frauen).

Dem steht eine prospektive Arbeit an 60 College-Athletinnen und -Athleten nach Hamstring-Zerrung gegenüber: Zwischen jenen mit und ohne erneute Verletzung fanden sich keine Unterschiede in exzentrischer Kraft oder Seitenasymmetrie zum Zeitpunkt der Sportfreigabe (alle p ≥ 0,52) [8].

Und für die Leistung gilt: Eine Meta-Analyse über elf Studien fand keinen signifikanten Einfluss auf die Vertikalsprungleistung, aber schwache signifikante Zusammenhänge mit Richtungswechseln (r = 0,24) und Sprintleistung (r = 0,20) [9]. Die meisten eingeschlossenen Studien untersuchten Asymmetrien unter 15 Prozent — relevante Leistungseffekte sind erst darüber zu erwarten.

Was daraus folgt: Asymmetrie ist ein Befund, kein Urteil. Sie rechtfertigt eine genauere Untersuchung, nicht automatisch eine Intervention.

Praxisbeispiel Rücken: hier ist Seitendifferenz das falsche Maß

Am Rumpf funktioniert die Logik anders — und das ist ein häufiger Anwendungsfehler.

Eine Querschnittsstudie an 146 Personen (75 mit Rückenschmerz, 37 mit Radikulopathie, 34 gesunde Kontrollen) fand in der RMS-Analyse keine signifikante Links-Rechts-Asymmetrie über alle Teilnehmenden [10]. Was dagegen deutlich trennte, war das Flexions-Relaxations-Verhältnis: signifikant unterschiedlich zwischen allen drei Gruppen, mit den größten Effekten auf Höhe L4–L5 (Cohen’s d bis 3,53 im Vergleich Gesunde gegen Radikulopathie).

Eine Meta-Analyse über 27 Arbeiten stützt das: Bei unspezifischem chronischem Rückenschmerz ist das Flexions-Relaxations-Phänomen bei 55 Prozent der Betroffenen verändert (95-%-KI 32–79 %), mit einem gepoolten Flexions-Relaxations-Verhältnis von 2,96 (95-%-KI 2,02–3,90) gegenüber deutlich höheren Werten bei Gesunden [11]. Bei erheblicher Heterogenität (I² > 80 %) mahnen die Autorinnen und Autoren zur Zurückhaltung, bevor die Ratio klinisch eingesetzt wird.

Übersetzt: Am Rücken suchen Sie nicht die Seitendifferenz, sondern das Entspannungsverhalten in der Vorbeuge.

Was als „normale“ Asymmetrie gilt — und warum die Frage keine gute Antwort hat

Hier ist Ehrlichkeit wichtiger als eine griffige Zahl: Für die Seitendifferenz der Oberflächen-EMG-Amplitude existiert kein konsentierter Normwert. Weder die SENIAM-Empfehlungen noch die ISEK-Berichtsstandards noch die CEDE-Konsenspapiere definieren einen solchen Schwellenwert.

Was es gibt, sind Beobachtungen. Eine kleine Untersuchung an neun gesunden Personen fand beim Gehen Seitendifferenzen zwischen 5,2 und 25,3 Prozent je nach Muskel und Geschwindigkeit — im ruhigen Stand einzelne Muskeln sogar um ein Vielfaches unterschiedlich [12]. Bei n = 9 ist das keine Normwertbasis, aber ein klarer Hinweis: Symmetrie ist bei Gesunden nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme.

Der verbreitete 10-bis-15-Prozent-Grenzwert stammt aus der Kraftdiagnostik, nicht aus der EMG-Amplitudenanalyse, und ist auch dort nicht ausreichend belegt [3]. Wer ihn auf EMG-Amplituden überträgt, überträgt eine ungesicherte Schwelle in eine andere Messgröße.

Die belastbare Konsequenz: Nutzen Sie den Seitenvergleich intraindividuell im Verlauf — dieselbe Person, dieselbe Aufgabe, dieselbe Normalisierung, über die Zeit. Die Veränderung ist die Information, nicht der Absolutwert im Vergleich zu einer Referenztabelle, die es nicht gibt.

Muskelasymmetrie messen: so wird der Seitenvergleich belastbar

Fünf Punkte entscheiden darüber, ob ein Seitenvergleich interpretierbar ist:

1. Beide Seiten in derselben Aufnahme. Getrennte Messungen verschieben Elektrodensitz und Tagesform — die Differenz wird dann von Messbedingungen dominiert. Vier Kanäle sind dafür die Mindestkonfiguration. 2. Elektroden nach SENIAM-Standard, seitengleich. Schon wenige Millimeter Unterschied in der Position erzeugen Amplitudenunterschiede, die wie Asymmetrie aussehen. Die Positionen stehen im SENIAM-Leitfaden zur Elektrodenplatzierung. 3. Normalisieren, und zwar seitenspezifisch. Jede Seite braucht ihre eigene Referenzkontraktion. Die Konsensempfehlungen zur Amplituden-Normalisierung beschreiben die etablierten Verfahren [13]. 4. Standardisierte Aufgabe. Eine Reliabilitätsstudie zeigt, dass die Aufgabe die Reproduzierbarkeit stärker beeinflusst als der zeitliche Abstand: standardisierte Extension in Bauchlage ICC 0,92–0,96, unstandardisiertes Sitzen nur ICC 0,50–0,77 [14]. 5. Timing mitbeurteilen, nicht nur Amplitude. Der Onset-Unterschied ist häufig der aussagekräftigere Befund.

Praktisch heißt das ein System mit mindestens vier Kanälen, kurzer Rüstzeit und seitengleicher Applikation. Kompakte kabellose Sensoren wie PicoBlue, ein CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt, decken diese Konfiguration ab, ohne dass Kabel die Bewegung einschränken.

Wie Sie den Befund dokumentieren und kommunizieren

Ein Seitenvergleich, der nicht reproduzierbar dokumentiert ist, verliert seinen Wert bei der nächsten Messung. Vier Angaben gehören deshalb in jede Dokumentation:

  • Aufgabe und Position — exakt, inklusive Gelenkwinkel und Widerstand. „Kniestreckung im Sitzen, 60° Flexion, gegen festen Widerstand“ statt „Quadrizepstest“.
  • Referenzkontraktion — welches Normalisierungsverfahren, seitengetrennt, mit Datum. Ohne diese Angabe ist der nächste Vergleich wertlos.
  • Elektrodenposition — Muskel und Landmarke nach SENIAM, idealerweise mit Foto oder Hautmarkierung für die Folgemessung.
  • Was beurteilt wurde — Amplitudenverhältnis, Onset-Differenz, Kokontraktion; jeweils getrennt, nicht zu einer Gesamtzahl verrechnet.

In der Kommunikation gegenüber Patientinnen und Patienten hat sich eine einfache Regel bewährt: Verläufe zeigen, keine Einzelwerte. Ein Prozentwert wird als Note gelesen und erzeugt entweder falsche Sicherheit oder unnötige Verunsicherung. Zwei nebeneinandergelegte Verlaufskurven vom ersten und vom aktuellen Termin transportieren dieselbe Information, ohne eine Scheinpräzision zu suggerieren, die die Methode nicht hergibt.

Gegenüber zuweisenden Ärztinnen und Ärzten ist es umgekehrt sinnvoll, die Einschränkung mitzuliefern: dass es für EMG-Amplituden-Asymmetrie keine Normwerte gibt und der Befund als intraindividueller Verlauf zu lesen ist. Das schützt vor Überinterpretation — und erhöht die Glaubwürdigkeit der Aussagen, die die Methode tatsächlich trägt.

Was Sie aus einem EMG-Seitenvergleich nicht ableiten sollten

  • Keine Kraftaussage. EMG-Amplitude ist kein Kraftmaß. Ein höheres Signal kann auch mehr Anstrengung bei gleicher Kraft bedeuten.
  • Keine Freigabeentscheidung allein. Die Rückkehr zum Sport ist eine multifaktorielle Entscheidung; keine Einzelmessung ersetzt sie [2].
  • Kein Vergleich mit fremden Referenzwerten. Ohne konsentierte Normdaten trägt nur der Vergleich mit der eigenen Vormessung.
  • Keine Aussage über tiefe Muskeln. M. multifidus und vergleichbare Strukturen sind über Oberflächenelektroden nicht valide erfassbar.

Fazit

Muskelasymmetrie messen heißt nicht, eine Prozentzahl zu produzieren. Der Limb Symmetry Index überschätzt die Erholung, weil sein Nenner selbst dekonditioniert ist, er trennt sichere von unsicheren Rückkehrentscheidungen nicht, und er existiert in mindestens zwölf Varianten.

Oberflächen-EMG ergänzt hier genau das, was der Kraftwert nicht enthält: Timing, Verlauf und Kompensation. Am Knie ist das der verzögerte Aktivierungsbeginn mit kompensatorischer Kokontraktion; am Rücken ist nicht die Seitendifferenz das Signal, sondern das Flexions-Relaxations-Verhalten; im Sport ist Asymmetrie ein Anlass zur genaueren Untersuchung, kein eigenständiger Befund.

Und die wichtigste methodische Konsequenz: Weil belastbare Normwerte für EMG-Amplituden-Asymmetrie fehlen, ist der intraindividuelle Verlauf die einzige tragfähige Auswertung. Dafür brauchen Sie Standardisierung — gleiche Aufgabe, gleiche Positionen, gleiche Normalisierung.

Wenn Sie Seitenvergleiche in Ihre Befundung aufnehmen möchten, fragen Sie eine kostenlose Beratung an — wir gehen Ihr Messprotokoll und die passende Kanalkonfiguration durch. Wie die Rückmeldung in der Behandlung aussieht, zeigt die Muskelanalyse mit EMG-Mapping; die seitengleichen Elektrodenpositionen der genannten Muskeln finden Sie im kostenlosen 3D-Muskelatlas.

Häufige Fragen

Ab wann gilt eine Muskelasymmetrie als auffällig?

Für die Seitendifferenz der EMG-Amplitude existiert kein konsentierter Normwert — weder SENIAM noch ISEK noch die CEDE-Konsenspapiere definieren einen. Der aus der Kraftdiagnostik bekannte Grenzwert von 10 bis 15 Prozent ist laut systematischer Übersicht selbst dort nicht ausreichend belegt. Belastbar ist deshalb nur der intraindividuelle Vergleich über die Zeit.

Warum ist der Limb Symmetry Index kritisch zu sehen?

Aus drei Gründen: Die nicht operierte Seite dekonditioniert mit, wodurch der Index die Erholung überschätzt; er unterscheidet in einer Analyse an 233 Athletinnen und Athleten nicht zwischen sicherer und unsicherer Rückkehr zum Sport; und er existiert in mindestens zwölf verschiedenen Berechnungsvarianten mit uneinheitlichen Schwellen.

Was zeigt EMG, was eine Kraftmessung nicht zeigt?

Drei Dinge: den Aktivierungsbeginn relativ zur Bewegung, den Amplitudenverlauf über den gesamten Bewegungsumfang und die Mitaktivierung des Antagonisten. Gerade die Kokontraktion verdeckt eine Nettokraftmessung, weil sie nur das Resultat misst.

Wie viele Kanäle brauche ich für einen Seitenvergleich?

Mindestens zwei für denselben Muskel links und rechts. Sollen Agonist und Antagonist beidseits gleichzeitig beurteilt werden — etwa Quadrizeps und ischiocrurale Muskulatur nach Kreuzbandrekonstruktion — sind vier Kanäle nötig, und beide Seiten müssen in derselben Aufnahme laufen.

Ist Muskelasymmetrie ein Verletzungsrisiko im Sport?

Die Evidenz ist gemischt. Eine Übersicht über 31 Studien mit 6.228 Teilnehmenden bewertet sie als „gering bis moderat“; einzelne Marker wie exzentrische Hamstring-Asymmetrie zeigten Odds Ratios von 3,8 bis 4,66, während eine prospektive Arbeit an 60 Athletinnen und Athleten keinen Unterschied zwischen erneut Verletzten und nicht erneut Verletzten fand. Asymmetrie ist ein Anlass zur genaueren Untersuchung, kein eigenständiger Befund.

Eignet sich EMG zum Seitenvergleich der Rückenmuskulatur?

Für die Seitendifferenz nur eingeschränkt — eine Studie an 146 Personen fand über alle Teilnehmenden keine signifikante Links-Rechts-Asymmetrie. Aussagekräftig ist am Rumpf stattdessen das Flexions-Relaxations-Verhältnis, das bei rund 55 Prozent der Betroffenen mit chronischem Rückenschmerz verändert ist.

Quellen

  • Brown C, Marinko L, LaValley MP, Kumar D. Quadriceps strength after anterior cruciate ligament reconstruction compared with uninjured matched controls: a systematic review and meta-analysis. Orthopaedic Journal of Sports Medicine. 2021;9(4):2325967121991534. DOI: 10.1177/2325967121991534
  • Simonsson R, Sundberg A, Piussi R, et al. Questioning the rules of engagement: a critical analysis of the use of limb symmetry index for safe return to sport after anterior cruciate ligament reconstruction. British Journal of Sports Medicine. 2025;59(6):376–384. DOI: 10.1136/bjsports-2024-108079
  • Parkinson AO, Apps CL, Morris JG, Barnett CT, Lewis MGC. The calculation, thresholds and reporting of inter-limb strength asymmetry: a systematic review. Journal of Sports Science and Medicine. 2021;20:594–617. DOI: 10.52082/jssm.2021.594
  • Forelli F, Moiroux-Sahraoui A, Mazeas J, Dugernier J, Cerrito A. Rethinking the assessment of arthrogenic muscle inhibition after ACL reconstruction: implications for return-to-sport decision-making — a narrative review. Journal of Clinical Medicine. 2025;14(8):2633. DOI: 10.3390/jcm14082633
  • Sonnery-Cottet B, Hopper GP, Gousopoulos L, et al. Incidence of and risk factors for arthrogenic muscle inhibition in acute anterior cruciate ligament injuries: a cross-sectional study. American Journal of Sports Medicine. 2024;52(1):60–68. DOI: 10.1177/03635465231209987
  • Criss CR, Lepley AS, Onate JA, et al. Brain activity associated with quadriceps strength deficits after anterior cruciate ligament reconstruction. Scientific Reports. 2023;13:8043. DOI: 10.1038/s41598-023-34260-2
  • Helme M, Tee J, Emmonds S, Low C. Does lower-limb asymmetry increase injury risk in sport? A systematic review. Physical Therapy in Sport. 2021;49:204–213. DOI: 10.1016/j.ptsp.2021.03.001
  • Kocak UZ, Stiffler-Joachim MR, Heiderscheit BC. Comparison of eccentric hamstring strength and asymmetry at return-to-sport after hamstring strain injury among those who did and did not re-injure. Physical Therapy in Sport. 2023;59:25–29. DOI: 10.1016/j.ptsp.2022.11.006
  • Fox K, Pearson L, Hicks K. The effect of lower inter-limb asymmetries on athletic performance: a systematic review and meta-analysis. PLOS ONE. 2023;18(6):e0286942. DOI: 10.1371/journal.pone.0286942
  • Starčević-Klasan G, Peharec M, Peharec S, Srhoj-Egekher V, Jerković R, Girotto D. The flexion relaxation phenomenon in patients with radiculopathy and low back pain: a cross-sectional study. Journal of Functional Morphology and Kinesiology. 2024;9(2):77. DOI: 10.3390/jfmk9020077
  • Gouteron A, Tabard-Fougère A, Bourredjem A, et al. The flexion relaxation phenomenon in nonspecific chronic low back pain: prevalence, reproducibility and flexion–extension ratios. A systematic review and meta-analysis. European Spine Journal. 2022;31(1):136–151. DOI: 10.1007/s00586-021-06992-0
  • Liang J, Zhang H, Zhang Z, et al. An investigation into the bilateral functional differences of the lower limb muscles in standing and walking. PeerJ. 2016;4:e2315. DOI: 10.7717/peerj.2315
  • Besomi M, Hodges PW, Clancy EA, et al. Consensus for experimental design in electromyography (CEDE) project: Amplitude normalization matrix. Journal of Electromyography and Kinesiology. 2020;53:102438. DOI: 10.1016/j.jelekin.2020.102438
  • Domokos B, Hümmer A, Ettinger J, Raschka C, Spang C, Düking P. Intra-day, short- and long-term reliability of surface electromyographic measurements during a standardized measurement protocol for lower back pain patients. Journal of Back and Musculoskeletal Rehabilitation. 2025;38(3):506–513. DOI: 10.1177/10538127241296341
  • Hermens HJ, Freriks B, Disselhorst-Klug C, Rau G. Development of recommendations for SEMG sensors and sensor placement procedures. Journal of Electromyography and Kinesiology. 2000;10(5):361–374. DOI: 10.1016/S1050-6411(00)00027-4 > Offenlegung (Distributor): menios GmbH ist Distributor der Cometa-Produkte in DACH. Dieser Artikel bezieht sich auf unabhängige wissenschaftliche Literatur; die zitierten Arbeiten wurden nicht von menios finanziert oder beeinflusst. —

Interesse geweckt?

Lassen Sie sich persönlich beraten — wir finden das optimale System für Ihren Anwendungsfall.