EMG-Praxis 9 Min. Lesezeit

Hip Thrust oder Kniebeuge? Was EMG über die Übungsauswahl verrät

Hip Thrust aktiviert den Gesäßmuskel stärker als die Kniebeuge, nach 9 Wochen wächst er trotzdem ähnlich. Was EMG über die Übungsauswahl verrät und was nicht.

Kniebeuge mit vier EMG-Sensoren an beiden Oberschenkeln

Kaum eine Frage wird im Kraftraum so gern mit EMG-Daten beantwortet wie diese: Welche Übung trifft den Muskel am besten? Ranglisten nach „Muskelaktivierung“ kursieren für fast jede Muskelgruppe, und der Gesäßmuskel ist ihr Lieblingsobjekt.

Am Duell Hip Thrust oder Kniebeuge lässt sich gut zeigen, was solche Vergleiche aussagen. Denn hier gibt es beides: eine Studie, die die Aktivierung misst, und eine, die nachsieht, was nach Wochen Training tatsächlich gewachsen ist. Das Ergebnis ist für Trainer lehrreich, und es zeigt, wofür Sie EMG im Kundentraining wirklich brauchen.

Akut: Der Hip Thrust gewinnt deutlich

13 kraftsporterfahrene Frauen führten Kniebeuge und Hip Thrust jeweils mit ihrem geschätzten 10-Wiederholungs-Maximum aus, während der Gesäßmuskel, der hintere Oberschenkel und der äußere Oberschenkelmuskel per Oberflächen-EMG gemessen wurden. Der Hip Thrust erzeugte im Gesäßmuskel und im hinteren Oberschenkel klar höhere Amplituden. Im unteren Gesäßmuskelanteil lag die Spitzenaktivität bei 216 Prozent gegenüber 130 Prozent bei der Kniebeuge (bezogen auf eine Referenzmessung), im hinteren Oberschenkel lag der Mittelwert bei 40,8 gegenüber 14,9 Prozent. Beim äußeren Oberschenkelmuskel gab es keinen signifikanten Unterschied [1].

Die Autoren schrieben selbst dazu, dass erst Langzeitstudien zeigen müssten, ob die höhere Aktivierung auch zu mehr Kraft oder Muskelwachstum führt [1].

Nach neun Wochen: Gleichstand am Gesäß

Diese Langzeitstudie gibt es inzwischen. 34 untrainierte junge Erwachsene trainierten neun Wochen lang (15 bis 17 Einheiten) entweder mit Hip Thrust oder mit Kniebeuge, bei gleicher Satzzahl. In der ersten Einheit wurde zusätzlich das EMG des Gesäßmuskels gemessen, vor und nach dem Training der Muskelquerschnitt per Magnetresonanztomografie [2].

Das Ergebnis:

  • Akut zeigte der Hip Thrust an allen gemessenen Stellen des Gesäßmuskels höhere EMG-Amplituden als die Kniebeuge.
  • Nach neun Wochen war der Zuwachs des Gesäßmuskels in beiden Gruppen ähnlich. Der Quadrizeps wuchs mit der Kniebeuge stärker.
  • Kraft nahm jeweils in der trainierten Übung stärker zu. Im Kreuzheben verbesserten sich beide Gruppen ähnlich.
  • Die akute EMG-Amplitude sagte das Gesäßwachstum nicht zuverlässig voraus [2].
Mehr Aktivierung heißt nicht mehr Wachstum: In der ersten Einheit zeigte der Hip Thrust höhere Gesäßmuskel-EMG-Werte als die Kniebeuge. Nach neun Wochen war der Zuwachs des Gesäßmuskel-Querschnitts ähnlich, der Quadrizeps wuchs mit der Kniebeuge stärker.
Die akute Messung beantwortet eine andere Frage als die Langzeitstudie: welcher Muskel jetzt arbeitet, nicht was in neun Wochen wächst.

Das passt zu dem, was die methodische Literatur seit Jahren betont: Aus dem Vergleich von EMG-Amplituden zwischen Übungen werden regelmäßig Schlüsse gezogen, die die Daten nicht tragen [4], und eine akut höhere Amplitude ist kein validierter Vorhersagewert für Muskelwachstum [5]. Im Beitrag über EMG in der Leistungsdiagnostik erklären wir die Gründe ausführlich.

Was Ranglisten außerdem verschweigen: die Streuung

Ein zweites Problem steckt in den Mittelwerten selbst. Eine häufig zitierte Studie verglich zwölf Übungen für den Gesäßmuskel bei 21 gesunden, sportlich aktiven Personen [3]. Für den mittleren Gesäßmuskel (Gluteus medius) lag das seitliche Beinabspreizen im Liegen mit durchschnittlich 81 Prozent der Referenzaktivität vorn, deutlich vor der Clamshell-Übung (rund 40 Prozent). Für den großen Gesäßmuskel führten einbeinige Kniebeuge und einbeiniges Kreuzheben mit je 59 Prozent.

Der Haken steht hinter dem Mittelwert: Beim seitlichen Abspreizen betrug die Standardabweichung 42 Prozentpunkte [3]. Für einzelne Teilnehmer lag die Aktivierung also weit darüber, für andere weit darunter. Eine Rangliste aus Gruppenmittelwerten sagt deshalb wenig darüber, wie Ihr Kunde eine Übung ausführt.

Die Rangliste und ihre Streuung: mittlerer Gesäßmuskel, seitliches Abspreizen 81 plus/minus 42, einbeinige Kniebeuge 64 plus/minus 25, einbeiniges Kreuzheben 59 plus/minus 25, Ausfallschritt 48 plus/minus 21, Clamshell 40 plus/minus 38 Prozent der Referenzkontraktion.
Die weißen Linien zeigen, wie weit einzelne Personen vom Mittelwert abweichen können.

Wofür EMG-Übungsvergleiche im Kundentraining taugen

Wenn die Aktivierung kein Wachstumsprognose-Instrument ist, wozu dann messen? Weil Trainer im Alltag selten fragen „Was wächst in neun Wochen?“, sondern viel öfter: „Arbeitet bei diesem Kunden in dieser Übung der Muskel mit, den ich trainieren will?“ Diese Frage beantwortet das EMG direkt.

Welche Trainerfragen EMG beantwortet: ob der Zielmuskel mitarbeitet, welche Technikvariante wirkt, ob beide Seiten ähnlich arbeiten und ob die Ansteuerung über Wochen hält. Nicht beantwortet: welche Übung mehr Muskel aufbaut, wie stark der Kunde ist, wer ohne Bezugswert mehr aktiviert und ob gesundheitlich etwas auffällig ist.

1. Den Einzelfall prüfen statt der Rangliste zu glauben. Die Streuung in den Studien zeigt: Dieselbe Übung kann bei zwei Kunden sehr unterschiedlich ankommen. Wer misst, sieht, ob der Gesäßmuskel beim Hip Thrust dieses Kunden tatsächlich führend arbeitet oder ob der hintere Oberschenkel oder der untere Rücken übernehmen.

2. Technikvarianten vergleichen. Fußstellung, Beckenposition, Bewegungstempo: Kleine Änderungen verschieben die Aktivierung. Mit zwei bis vier Kanälen sehen Sie in wenigen Wiederholungen, welche Variante bei Ihrem Kunden den Zielmuskel ins Spiel bringt. Wie viele Kanäle Sie für welche Frage brauchen, erklärt unser Beitrag Wie viele EMG-Kanäle braucht man?

3. Das Muskelgefühl trainieren. Gerade Einsteiger spüren den Gesäßmuskel oft nicht. Eine Live-Kurve, die sie in eine Zielzone bringen und dort halten sollen, macht aus der Anweisung eine überprüfbare Aufgabe. Was die Forschung zum gezielten Fokus sagt, steht in Teil 1 dieser Serie: Mind-Muscle-Connection messen. Wie man das Feedback so dosiert, dass es auch ohne Bildschirm hält, zeigt Teil 3: Muskeln gezielt ansteuern lernen.

4. Übungen ergänzen, nicht ersetzen. Die Langzeitstudie spricht nicht gegen den Hip Thrust, sondern gegen die Idee, eine Übung allein wegen höherer Aktivierung zur „besten“ zu erklären. Hip Thrust und Kniebeuge führten zu ähnlichem Gesäßwachstum, die Kniebeuge zusätzlich zu mehr Oberschenkelwachstum [2]. Die Auswahl hängt am Ziel des Kunden, an seinen Vorlieben und an dem, was er technisch sauber ausführt.

Was Sie aus einer EMG-Messung nicht ableiten sollten

  • Keine Wachstumsprognose: „Übung A hat mehr EMG, also baut sie mehr Muskeln auf“ ist durch die Daten nicht gedeckt [2, 5].
  • Keine Vergleiche zwischen Personen ohne Bezugswert: Absolute Amplituden hängen von Hautbeschaffenheit, Unterhautfett und Elektrodenposition ab [4]. Vergleichen Sie innerhalb derselben Person und Sitzung, oder normalisieren Sie auf einen Referenzwert.
  • Keine Gesundheitsaussagen: Eine geringe Aktivierung in einer Übung ist ein Technik- und Trainingsbefund, keine Diagnose. Formulieren Sie es gegenüber Kunden und in Ihrer Werbung auch so.

Was Sie dafür brauchen

Ausfallschritt mit kabellosen EMG-Sensoren an beiden Beinen, daneben das Tablet mit vier Kanälen live in der Zielzone.
Vier Kanäle, eine Übung: Auf dem Tablet ist sofort sichtbar, welche Muskeln in der Zielzone arbeiten.

Für Übungsvergleiche im Studio sind zwei Kanäle ein guter Anfang (zum Beispiel Gesäß und hinterer Oberschenkel), vier Kanäle zeigen beide Seiten oder zusätzlich den Quadrizeps. Die kabellosen PicoBlue-Sensoren von Cometa stören bei Hip Thrust und Kniebeuge nicht, und mit der Biofeedback-Software easyEMG sehen Kunde und Trainer die Aktivität live auf dem Android-Tablet. Mit dem Modus HOLD hält der Kunde den Zielmuskel in einer Zielzone, mit SYMMETRY vergleicht er beide Seiten; alle Modi zeigt die Seite EMG-Biofeedback-Training. Was ein Setup für Personal Trainer kostet und wie es sich finanzieren lässt, steht auf EMG-Biofeedback für Personal Trainer.

Fazit

Der Hip Thrust aktiviert den Gesäßmuskel stärker als die Kniebeuge. Nach neun Wochen wuchs das Gesäß trotzdem mit beiden Übungen ähnlich. Höhere Aktivierung ist also kein Beweis für die „bessere“ Übung, und Ranglisten aus Gruppenmittelwerten verdecken, wie unterschiedlich einzelne Menschen dieselbe Übung ausführen.

Genau deshalb lohnt sich die Messung im Kundentraining: nicht um die eine beste Übung zu finden, sondern um zu sehen, ob bei diesem Kunden in dieser Ausführung der richtige Muskel arbeitet.

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Häufige Fragen

1. Ist der Hip Thrust besser als die Kniebeuge für den Gesäßmuskel?

Nicht eindeutig. Der Hip Thrust erzeugt akut höhere EMG-Werte im Gesäßmuskel. In einer neunwöchigen Trainingsstudie mit Untrainierten wuchs der Gesäßmuskel mit beiden Übungen aber ähnlich, der Quadrizeps mit der Kniebeuge stärker. Die Wahl hängt vom Trainingsziel ab.

2. Zeigt EMG, welche Übung am meisten Muskeln aufbaut?

Nein. Eine akut höhere EMG-Amplitude ist kein validierter Vorhersagewert für Muskelwachstum. Das EMG zeigt, ob und wie stark ein Muskel in einer Übung angesteuert wird, nicht, wie stark er über Wochen wächst.

3. Welche Übung aktiviert den mittleren Gesäßmuskel am stärksten?

In einer Vergleichsstudie mit 21 sportlich aktiven Personen erzielte das seitliche Beinabspreizen im Liegen die höchste durchschnittliche Aktivierung, deutlich vor der Clamshell-Übung. Die Streuung zwischen den Teilnehmenden war allerdings groß, deshalb lohnt sich die Messung beim einzelnen Kunden.

4. Warum unterscheiden sich EMG-Werte zwischen Personen so stark?

Weil die Amplitude nicht nur von der Muskelaktivierung abhängt, sondern auch von Hautbeschaffenheit, Unterhautfett, Elektrodenposition und Muskellänge. Vergleiche sind deshalb innerhalb derselben Person und Sitzung oder mit einem normalisierten Bezugswert aussagekräftig.

5. Wie viele EMG-Kanäle brauche ich für Übungsvergleiche?

Zwei Kanäle reichen für den Vergleich von Ziel- und Hilfsmuskel, etwa Gesäß und hinterer Oberschenkel. Mit vier Kanälen messen Sie beide Körperseiten oder zusätzlich den Quadrizeps.

6. Kann ich mit EMG Fehlhaltungen oder Verletzungsrisiken erkennen?

Nein, dafür ist eine Biofeedback-Software wie easyEMG nicht gedacht. Sie visualisiert die Muskelaktivität im Training und unterstützt bei der Technikarbeit; sie stellt keine Diagnosen und ist kein Medizinprodukt.

Quellen

  • Contreras B, Vigotsky AD, Schoenfeld BJ, Beardsley C, Cronin J. A Comparison of Gluteus Maximus, Biceps Femoris, and Vastus Lateralis Electromyographic Activity in the Back Squat and Barbell Hip Thrust Exercises. Journal of Applied Biomechanics, 2015;31(6):452–458. DOI: 10.1123/jab.2014-0301 · PMID: 26214739
  • Plotkin DL, Rodas MA, Vigotsky AD, McIntosh MC, Breeze E, Ubrik R, Robitzsch C, Agyin-Birikorang A, Mattingly ML, Michel JM, Kontos NJ, Lennon S, Frugé AD, Wilburn CM, Weimar WH, Bashir A, Beyers RJ, Henselmans M, Contreras BM, Roberts MD. Hip thrust and back squat training elicit similar gluteus muscle hypertrophy and transfer similarly to the deadlift. Frontiers in Physiology, 2023;14:1279170. DOI: 10.3389/fphys.2023.1279170 · PMID: 37877099
  • Distefano LJ, Blackburn JT, Marshall SW, Padua DA. Gluteal muscle activation during common therapeutic exercises. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2009;39(7):532–540. DOI: 10.2519/jospt.2009.2796 · PMID: 19574661
  • Vigotsky AD, Halperin I, Lehman GJ, Trajano GS, Vieira TM. Interpreting Signal Amplitudes in Surface Electromyography Studies in Sport and Rehabilitation Sciences. Frontiers in Physiology, 2018;8:985. DOI: 10.3389/fphys.2017.00985 · PMID: 29354060
  • Vigotsky AD, Halperin I, Trajano GS, Vieira TM. Longing for a Longitudinal Proxy: Acutely Measured Surface EMG Amplitude is not a Validated Predictor of Muscle Hypertrophy. Sports Medicine, 2022;52(2):193–199. DOI: 10.1007/s40279-021-01619-2 · PMID: 35006527 —

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